Roland Rebers Todesrevue

Kategorie: Rezension Erstellt: Samstag, 22. Februar 2020 Drucken

(von Olaf Francke)

Der 2020er Film von Roland Reber scheidet mal wieder die kulturelle Spreu vom Weizen. Gut so!

Roland Rebers Todesrevue

"Mitmachen lohnt sich!" - so der Slogan zum Film. Fragt sich: Für wen? Grundsätzlich erwartet den Zuschauer bei dieser Darbietung einmal mehr ein brisantes Feuerwerk der Ungeheuerlichkeiten, gespeist aus einer nie versagenden Quelle des Unerwarteten. Wer hier auf wohlsortierte Regelunterhaltung hofft, der ist halt selber schuld. Einmal mehr trifft hier der Wunsch des Zuschauers auf kontinuierliche Erzählung des roten Fadens frontal auf Rebers eruptiv verschobene Form der Episodenerzählung. Wer sich auf den Crashtest der Zumutbarkeit einlässt, wird jedoch mit anderthalb Stunden Kurzweil belohnt.

Ein kleiner cineastischer Seitenhieb auf das Bunny Burlesque der Großen Freiheit läutet die farbenfrohe und bisweilen grotesk anmutende Todesrevue-Show ein. Hier gibt das Team eine treffende Karikatur der erlebnishungrigen Sofa-Atlethen, welche die dünnflüssige, inhaltsleere Darbietung der Wegwerf-TV-Gesellschaft aufsaugen, als sei es Muttermilch. Martin Bayer in der Rolle des grenzdebilen Djs und Wolfgang Seidenberg als Talkmaster, der den Charme eines Rheumadeckenverkäufers versprüht - beide passen in diesen Film wie "Arsch auf Eimer".

Zwischendrin eingestreut erleben wir einige wirklich tiefgründige und essentielle Wahrheiten berührende Dialoge, die als Kontergewicht zu den hohlen Phrasen der Einschaltquotenjunkies gute Arbeit leisten. Sehr schön auch die furztrockenen Einwürfe des Pathologie-Helfers, dargestellt von Eisi Gulp ("Live aus dem Kühlhaus"). Mira Gittner erneut in einer abstrakten Rolle als "Maske", das kennt man ja von ihr, würde bestimmt auch als hochdotiertes Eröffnungs-Kunsthappening auf der Documenta durchgehen. Immer wieder herrlich, diese Interludien. Marina Anna Eich macht im übrigen auch eine sehr gute Figur als Ballerina. Auch der Auftritt von John "Massive" Drake als Undertaker-Verschnitt sorgt für Kurzweil.

An ein oder zwei Stellen gleitet das Ganze allerdings auch ein wenig ab, zum Beispiel in der Dildo-Szene, die schon beinahe etwas zu dicht am Mainstream der Political Correctness Satire entlangschrammt. Putzig hingegen wirken die Szenen mit dem depressiven Dichter und der Smarthome-Kiste. Sehr schöne Gegensätze. Die Szenen von Patsy 2.0 und die Flötenszene erinnern subtil an die Bilder aus "Der Geschmack von Leben" (Selbstzitat).

Trotz aller Alberei steckt hinter dem Film ein durchaus ernster Sinn, nämlich die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem des Sterbens, ein Thema, dass uns in Rebers Werken nicht selten begegnet. Wir werden mit Bildern konfrontiert, die wir alles andere als gern sehen (Alter, Siechtum, Suizid, Pathologie usw.), ohne jedoch durch plumpen Splatter abgeschreckt zu werden. Die Bilder rütteln uns innerlich auf, führen sie uns doch die Unausweichlichkeit des Endes vor Augen. Sicher, dass wir sterben werden, wissen wir, nur wir haben keine Ahnung wie oder wann. Insofern ist dieser Film auch ein Appell an die Sinnlichkeit des Lebens, denn gerade dabei heißt es: Mitmachen lohnt sich!

Einmal mehr beweist Rebers kreative Truppe, dass man auch mit engem Budget, aufgestockt durch eine Schiffsladung an Enthusiasmus, etwas Bemerkenswertes schaffen kann. Die Unikate, die Reber für seine Vorstellungen immer wieder zusammenbringt, heben seine Filme auf besonders charmante Weise aus dem Gros der Neuerscheinungen hervor. wtp-Filme sind überraschend, erfrischend, frech, bunt, tiefsinnig und oberflächlich zugleich. Wie immer gilt auch bei diesem Werk: Love it or hate it!

Von mir jedenfalls gibt es ein THUMBS UP! Ich hoffe auf viele weitere anregende Filme aus der wtp-Bilderschmiede. Weitere Infos: https://www.wtpfilm.com/

 

 

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