Ist Brawndo gut für Pflanzen?

Kategorie: Denk-Anstoß Erstellt: Sonntag, 23. Februar 2020 Drucken

(von Olaf Francke)
Was ist nur aus dem interessierten, informierten und engagierten Bürger geworden? Steuert unser Land in eine Idiokratie?

Ich bin Jahrgang 1965, also ein "U100" oder "Boomer" wie man heute so zu sagen pflegt. Familienmensch mit so vielen Kindern, dass viele mich wohl für "asozial" halten würden, mindestens aber für verantwortungslos angesichts der Klimaschädlinge, die ich im jugendlichen Leichtsinn und Kraft meiner Lenden erzeugte. Ich leiste mir den Luxus, zu arbeiten, was ich will und wann ich will und wie ich es will und die höchste ethische Instanz, der ich folge, ist mein Wille. Ich esse tote Tiere, die ich selbst zu (z)erlegen bereit und in der Lage bin, ich bestelle eigenes Land und mein Fun-Auto hat 6,8 Liter Hubraum (Diesel, versteht sich). Kurzum: Ein weißer, alter Cis-Mann mit konservativen Gedanken über die menschliche, sippenbasierte Sozialordnung und damit Feindbild aller neohumanoiden "Aktivisten", gleich welcher Coleur. Und ich wage es sogar, glücklich zu sein.

Brawndo

Was genau treibt eigentlich die Gesellschaft da im Moment? Sie unterwirft sich komplett einer verwaschenen, kaum greifbaren Doktrin, die von Leuten in den Raum gestellt wird, die ich als Kompetenzträger beim besten Willen nicht ernstnehmen kann. Früher, als ich noch nicht durch die Segnungen des Tittytainment (ja, ich meine das Internet) vom Wesentlichen abgelenkt wurde, liefen die Dinge irgendwie anders, bilde ich mir ein. In den Nachrichtenredaktionen des Staatsfunks saßen Redakteure und Journalisten, die studiert hatten, über ausreichende Erfahrung als Berichterstatter verfügten und sogar der deutschen Sprache mächtig waren. Auf der anderen Seite, der schreibenden Zunft, verhielt es sich ähnlich und man konnte über die Bandbreite der Publikationen hinweg mit einer gewissen Trefflichkeit von der "vierten Gewalt im Staate" sprechen. Diese Medien sahen ihren Auftrag hauptsächlich darin, das Volk zu informieren, Nachrichten zu verbreiten und darüber zu diskutieren. Es gab sogar Fernsehsendungen wie z.B. die "Presseschau", in der gebildete Menschen die Berichterstattung der Medien unter die Lupe nahmen. In Talkshows wurden tagespolitische Ereignisse von fachlich kompetenten Leuten diskutiert und spezielle Formate waren der analytischen Betrachtung des Weltgeschehens verschrieben.

Die Zeiten, als ich ein junger Mann war, kann man getrost als "unruhig" bezeichnen. Deutschland war geteilt, der Kalte Krieg zerriss Europa, der "Deutsche Herbst" brachte den Terror der zweiten RAF-Generation in die Gesellschaft (Ponto, Buback, Schleyer, die Landshut). Die öffentlichen Proteste gegen Atomkraft als Energieträger nahmen an Intensität zu und der Staat schlug mit der ihm gegebenen Härte zurück.

Auf der anderen Seite kam es durch geschickte diplomatische Verhandlungen zu einer Annäherung der einst verfeindeten Blöcke, man suchte das Gespräch, Handelswege wurden geöffnet und damit die Basis eines wertvolleren Miteinanders geschaffen. Man kannte die Politiker, die das Volk in Bundestag und Bundesrat vertraten, ihre Gesichter, ihre Eigenarten, ihre Werte.

Heutzutage ist das irgendwie anders. Wenn ich im Netz die unbeholfenen, anbiedernden Aufführungen junger Nachwuchspolitiker wie die von Philipp Amthor sehe (bei dem ich mutmaße, es handelt sich um einen Konfirmanden mit Progeria) oder gar das divenhafte Gehabe unserer wohlgenährten Bundestagsvizepräsidentin, die noch vor nicht allzulanger Zeit diesen Staat verteufelte, oder wenn ich mir die inhaltslosen Reden der namenlosen Abgeordneten des Plenums anhöre (wenn sie denn anwesend sind, die Herrschaften), dann frage ich mich allen Ernstes: Quo vadis, Germania?

Wann hat uns die Realität verlassen? Wann wurde ernstzunehmende politische Aktivität durch hohles Phrasendreschen ersetzt? Und: Sind Elektrolyte wirklich ein guter Pflanzendünger? Was habe ich verpasst?

Verschlafen

Ich komme mir vor, als hätte ich zu lange geschlafen. Nun erwache ich, blicke aus dem Fenster und sehe die Welt in Trümmern liegen. In intellektuellen Trümmern. Anfang der Neunziger, die das Ende der "Goldenen Tage" markierten, schenkte uns die DARPA (eine Forschungseinheit des US-militärisch-industriellen Komplexes) das Internet. Es kam daher wie eine göttliche Fügung, ein Wunder gleichsam, die Erreichbarkeit jeder beliebigen Information in Sekundenschnelle (wenn man in der Lage war, ein virtuelles Terminal zu errichten und ein Modem zu bedienen). Aber genau in dem Wort liegt die Crux begraben: BELIEBIG. Denn binnen kürzester Zeit wurde dieses neue Netz, das uns so viel Raum für kreative Entfaltung bot, mit Shit geflutet. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mit Freunden ein Diskussionsforum unterhielt, in dem es keine Regeln gab, dafür aber ellenlange, sachlich fundierte Dispute über interessante Themen. Damals musste ich als Administrator nie zum Löschknopf greifen und selbst Diskussionen mit überzeugten Nationalsozialisten konnten man dort in einer Weise führen, die Informationsgewinn abwarf.

Gleichzeitig schossen zu dieser Zeit aber auch die "Privatsender" im TV- und Radiobereich wie Giftpilze aus dem Boden und perforierten den Grundsatz der qualitativen Informationserhaltung im Äther durch sinnfreie Spielshows und Sendungen dutzender Brandings, in denen sich gefrustete Hausfrauen, versetzte Liebhaber, zänkische Nachbarn und prollige Asis als Ritter der Bedeutungslosigkeit in der Arena austoben konnten. Menschen und Moderatoren, deren Namen man sich über den Zeitraum der Einblendung im Footer nicht merken konnte und wollte, pöbelten, was das Zeug hielt, während im Nachbarsender ein niederländischer "Quizmaster" mit dem Charme eines Rheumadeckenverkäufers Konsumwaren feilbot. Der Bulldozer der wertvernichtenden Nur-Unterhaltung nahm an Fahrt auf.

Als diese Formate in ihrer Funktion als Pausenfüller der Dauerwerbesendungen den Zweck, das Publikum am Bildschirm und bei Bewusstsein zu halten (zumindest so weit, dass die Werbebotschaften durchdrangen und hängenblieben) nicht mehr erfüllten, wurde ein neues Format geboren, das bis heute als Petrischale für Verkaufsbotschaften funktioniert: Die Scripted Reality Soaps. Das sind Sendungen, die von Subunternehmen der TV-Produktionsbranche hergestellt werden, um "lebensähnliche Situationen" darzustellen. Und nein, die Darsteller sind dabei keine Profis, sondern ausnahmslos Laien, wie auch die -ähem- "Produzenten". Da werden Personen oder Familien von Kamerateams heimgesucht - nein, in ihrem Heim besucht, so ist es richtig! - und spielen in bemitleidenswerter Naivität reißerische Szenen, die nach der Ausstrahlung mal eben ihr bisheriges Leben vernichten. Nichts davon ist echt, nichts davon ist wahr. Aber wenn man sich die Feeds in den Sozialen Medien anschaut, werden diese Schundformate diskutiert, als hätte Peter Scholl-Latour einen investigativ erstellten Auslandskorrespondentenbericht gesendet.

Und genau DAS sind die Zeichen einer neuen Zeit. Das Volk wird planmäßig mit Trash-TV verblödet, im Internet darf es im Fressebuch sein beliebiges Dafürhalten anderen als sogenannte "Meinung" an den Kopf knallen und das in einer Artikulation, die mich annehmen lässt, dass Konrad Duden in seinem Grab so stark rotiert, dass er ein eigenes Magnetfeld aufbaut. Dieses Volk, das noch eine Generation vorher interessiert, involviert und aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft mitgewirkt hat, zieht sich nun in die Sofaecke ("mit Schlaffunktion") zurück und geifert über den Fliesentisch-Westwall hinweg all jene an, die es wagen, zu denken oder gar die gefühlte Authenzität ihrer Lieblingssendung anzuzweifeln. "Gefühlte Wahrheit" mit Kuschelfaktor ersetzt die böse, schmerzhafte Realität der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Der neueste Clou der Volksverwirrer ist die Bereitstellung von mobilen Empfangsgeräten, bei denen selbst hochtechnisierte Ausführungen quasi für lau (wenn man mal die monatlichen Abgaben beiseite lässt) an den Pöbel verteilt werden, damit dieser in jeder Lebenssituation, egal ob auf dem Keramikthron oder am Laufband an der Kasse, am kollektiven Lemmingmarathon teilnehmen kann. "Sei immer und überall für uns erreichbar. Sag uns, was du kaufst, wir geben dir lächerliche 2% dafür zurück. Sag uns, wo du bist, und wir zeigen dir, wohin du gehen sollst. Sieh nicht nach vorn, sieh nach unten!" Die Einführung der portablen Blödenlaterne hat den Leuten definitiv den Rest gegeben. Die Device-abhängigen "Smombies" brauchen inzwischen sogar "Apps", die ihnen zeigen, dass da ein Laternenpfahl frech ihren Weg versperrt.

Die völlige Verblödung des Konsumvolks überholt in seiner lawinenhaftigen Fortbewegung selbst Moore's Law (Gordon Moore *1929) und fordert natürlich Opfer, die da heißen: Vernunft, Achtsamkeit, Intelligenz, Weitsicht, Empathie. Charaktereigenschaften, die uns einst als individuellen Menschen ausgemacht haben, werden von der Konsumwelle brachial überrollt und gnadenlos niedergemäht. Übrig bleibt eine seelenlose Hülle ohne jeden Willen, ein überzuckerter Fleischbalg, der nur noch auf audiovisuelle Stimulantien reagiert. Die Menschen werden zu willenlosem Stimmvieh erzogen, das durch Veranstaltungen, die man "freie Wahlen" schimpft, komplette Vollidioten in Ämter und Würden hievt, die dann wiederum von eiskalt kalkulierenden Konzerneliten ferngesteuert werden.

Idiocracy

Da stehen an den Rednerpulten dann geistig minderbemittelte Politikdarsteller, die nachplappern, was irgendein überteuerter "Berater" ihnen ins Ohr suffliert hat. Sie lassen sich feiern, drehen sich eitel im Rampenlicht und ziehen die Blicke des Pöbels auf sich, wenn dieser es dann schafft, sich mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches vom aktuellen Browsergame oder dem Whatsappverlauf zu lösen. Die wenigen grinsenden Gestalten im Hintergrund bemerkt kaum jemand. Wenn einer aus Versehen kritisch nachfragt, schauen sich die Eleven der verordneten Heiterkeit irritiert an und leiten unverzüglich Gegenmaßnahmen ein.

Das Volk und sein "Wille" wird von den Machern des Mainstreams geleitet wie eine träge Flüssigkeit mit der Viskosität von Motorenöl. Es werden mit sogenannten "Prominenten" Attraktoren geschaffen, es werden leicht verdauliche Feindbilder bereitgestellt ("der Asylant" / "der Nazi" / "der Asi"), die modernen Gladiatoren des TV-Sports ("Panem et circenses") fechten für die Banner der Suchtmittelindustrie und zum geregelten Fluss leichtverdaulicher Nach-Richten werden durch die Presse Meinungskanäle ausgehoben. Berichterstattung gerät zum Beipackzettel der besinnungshemmenden Konsumangebote, Kritik wird als Fremdkörper im Flussbett des allgemeinen Wohlbefindens empfunden und wer aufmuckt, kriegt eins aufs Dach oder er wird in eines der verfügbaren Feindbilder integriert. Ob er will oder nicht.

DAS also ist die schöne neue Welt, in der "wir alle gut und gerne leben möchten".

Danke, aber: Nein danke!

 

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